Zurück zur Übersicht
Übernimmt Google die Autoindustrie?
21. Aug. 2025Laurenz Hinterholzer

Übernimmt Google die Autoindustrie?

Wir werden immer wieder gefragt, wie sich unsere App für Fahrstilanalyse und Fahrzeuganalyse in einer Zukunft mit autonomen Fahrzeugen einsetzen lässt. Die erste Reaktion liegt nahe: Wenn nicht mehr der Mensch fährt, sondern die KI, dann braucht es keine Fahrstilanalyse mehr. Auf den zweiten Blick ist die Antwort jedoch komplexer.

Um ein besseres Gefühl für die Zukunft der Mobilität zu bekommen, habe ich im Urlaub zwei Bücher gelesen:

  • Autonomy: The Quest to Build the Driverless Car – And How It Will Reshape Our World von Lawrence D. Burns und Christopher Shulgan
  • Mobility 3.0: How to Win and Thrive in the Future of Passenger Transportation von Leonardo Gannio

Während Mobility 3.0 stärker auf die ökonomischen Aspekte eingeht, war es vor allem Autonomy, das für mich den entscheidenden Einblick gegeben hat – insbesondere in die Rolle von Google und Waymo.

Vom Wüstenrennen zum Robotaxi

Der Ursprung von Waymo liegt in der DARPA Grand Challenge von 2005. In der Mojave-Wüste in Kalifornien mussten die teilnehmenden Fahrzeuge eine 240 Kilometer lange Strecke bewältigen, doch keines kam weiter als zwölf Kilometer. Zwei Jahre später, bei der DARPA Urban Challenge, fuhren bereits erste Fahrzeuge in einem simulierten Stadtumfeld autonom.

2018 startete Waymo den ersten kommerziellen Robotaxi-Service. Heute sind autonome Taxis bereits in mehreren Städten im Einsatz – etwa in den USA durch Waymo, Cruise oder Tesla und in Deutschland im Rahmen von Projekten in Hamburg und München. Es handelt sich jedoch noch immer um Pilotprojekte in klar begrenzten Gebieten.

Googles Ansatz: Sicherheit vor Geschwindigkeit

Larry Page erkannte das Potenzial des autonomen Fahrens sehr früh, und auch Sundar Pichai treibt das Thema als heutiger CEO weiter voran. Dabei unterscheidet sich Googles Strategie klar von Tesla:

  • Technologie: Waymo setzt auf Lidar (Lasererkennung), kombiniert mit Kameras. Tesla hingegen verfolgt einen reinen Kamera-Ansatz.
  • Go-to-Market: Google stellt Sicherheit an oberste Stelle und testet intensiv, bevor neue Features veröffentlicht werden. Tesla hingegen wählt den radikaleren Ansatz und bringt seinen Autopilot schon früh auf die Straße.

Dass das Risiko real ist, haben Unfälle bei Tesla und Uber gezeigt. Halbautonome Systeme, die den Fahrer in permanenter Alarmbereitschaft halten, sind ein fragwürdiges Konzept. Autonomie macht nur Sinn, wenn sie vollends verlässlich ist.

10–15 Jahre bis Level 5

Bis Fahrzeuge der Stufe 5 – also vollautonome Fahrzeuge ohne menschliches Eingreifen – im Alltag ankommen, werden voraussichtlich noch 10 bis 15 Jahre vergehen. Studien (z. B. von McKinsey und BCG) gehen davon aus, dass selbst 2035 noch mehr als 70 % aller Fahrzeuge nicht vollautonom unterwegs sein werden.

Autonomie wird sich zuerst in Nischen durchsetzen: Robotaxis, Shuttle-Dienste, klar begrenzte Routen. Für Firmen und Privatkunden im Alltag bleibt die vollständige Autonomie noch lange Zukunftsmusik.

Alphabet im Auto: Waymo + Android

Neben Waymo hat Google ein zweites Standbein in der Autoindustrie aufgebaut: Android Auto und Android Automotive OS.

  • Android Auto ist mittlerweile mit über 250 Millionen Fahrzeugen kompatibel.
  • Android Automotive OS läuft bereits in über 50 Modellen – Tendenz stark steigend.

Damit kontrolliert Google sowohl den digitalen Zugangspunkt im Fahrzeug als auch die Entwicklung des autonomen Fahrens. Verglichen mit anderen Tech-Konzernen ist Alphabet damit heute schon der sichtbarste Player im Auto-Segment.

Was heißt das für Fahrstilanalyse?

Auch wenn AVs das Fahren übernehmen, bleibt Fahrstilanalyse relevant.

  • Zum einen, weil die Übergangszeit sehr lang sein wird – in den nächsten 10–15 Jahren dominieren weiterhin Fahrzeuge mit menschlicher Steuerung.
  • Zum anderen, weil es auch in einer autonomen Zukunft Szenarien geben wird, in denen Nutzer Einfluss nehmen: etwa bei der Wahl des Fahrmodus (ökonomisch, sportlich, komfortabel). Dafür braucht es weiterhin Metriken, Scores und Analysen.

Fazit

Google baut keine eigenen Autos. Aber mit Waymo und Android Automotive OS hat Alphabet zwei Hebel, die zusammen mehr bewirken könnten als so mancher OEM: ein Betriebssystem für Mobilität.

Für OEMs wird es in Zukunft weniger darum gehen, jede Funktion selbst zu entwickeln. Wahrscheinlicher ist, dass sie verstärkt mit Google zusammenarbeiten, um Kosten zu sparen und sich auf ihre Kernkompetenz – die Hardware – zu konzentrieren.

Die spannende Frage: Wird Alphabet in 10 Jahren mehr Einfluss auf die Autoindustrie haben als die traditionellen Hersteller?